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Borken, 11. Dezember 2017  

Der letzte Weg

Der ambulante Hospizdienst der Caritas begleitet todkranke Menschen und ihre Angehörigen

Von Jacqueline Beckschulte

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Klaudia Tiemeshen vom ambulanten Hospizdienst begleitet
den krebskranken Uwe Bombeck seit Dezember 2016.

BORKEN / HEIDEN / VELEN. Ein Tumor in der Speiseröhre war der Anfang. Nun hat Uwe Bombeck Metastasen in Lunge und Leber. "Das ist nicht mehr operabel", erklärt der Familienvater. Er weiß, dass er sterben muss - aber wie lange der 51-Jährige mit seiner Krankheit noch leben kann, das weiß niemand. Die Hoffnung gibt er trotzdem nicht auf. Er schmiedet Pläne: Im nächsten Sommer möchte er mit seinen Kindern und seinem Enkel in den Urlaub fahren, in den Thüringer Wald nach Oberhof. "Dort war ich im vergangenen Jahr noch mit meiner Frau", erzählt Bombeck. Das war im August. Vier Monate später, im Dezember, verlor seine Frau ihren Kampf gegen den Krebs. Zu diesem Zeitpunkt wusste auch Uwe Bombeck bereits von seiner Krankheit.

Wie geht man um mit dieser Gewissheit, dieser Endgültigkeit? Wenn ein Mensch stirbt, dann muss er sich schrittweise verabschieden: von bestimmten Fähigkeiten, von der Arbeit, von Freunden und Familie und schlussendlich von seinem Leben. Und egal, ob arm oder reich - am Ende eines jeden Lebens herrscht Gerechtigkeit, denn sterben müssen wir alle. Trotzdem sei kein Tod gleich, sagt Gerd Erdbrügge. Seit vier Jahren engagiert sich der 65-Jährige ehrenamtlich beim ambulanten Hospizdienst der Caritas Pflege & Gesundheit. Er begleitet todkranke Menschen wie Uwe Bombeck in ihren letzten Tagen, Wochen oder Monaten. "Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens", sagt der Rentner.

Bei seinen Begleitungen taucht er häufig sehr tief in das Privat- und Familienleben ein. Deshalb ist es wichtig, dass die Chemie passt. Bei einem ersten Treffen können sich Begleiter und Begleiteter kennenlernen und danach entscheiden, ob es passt. "Wir sind oft auch eine Entlastung für die Angehörigen. Sie können durchatmen, einkaufen oder sich mit Freunden treffen in der Zeit, in der wir da sind", erklärt Gerd Erdbrügge.

Wie entlastend das sein kann, das weiß Anke Becker nur zu gut. Tag und Nacht kümmerte sich die 40-Jährige um ihren todkranken Onkel, der im selben Haus lebte. Der 83-jährige Horst Ollrog war an der chronischobstruktiven Lungenkrankheit COPD erkrankt. Für Anke Becker und ihren Mann eine belastende Situation. Beide sind berufstätig und haben ein kleines Kind. Untersützung erhielten sie zwar auch von Anke Beckers Schwester, trotzdem war die 40-Jährige permanent über ihr Handy mit dem Notfall-Telefon des Todkranken verbunden. Die Palliativ-Box mit angsthemmenden Medikamenten wie Morphium stand stets griffbereit. Und auch die Organisation und Koordinierung von Pflegeund Besuchsdiensten lag in ihrer Verantwortung. Eine enorme Belastung für die junge Familie.

Bei der Caritas informierte sich Anke Becker über weitere mögliche Unterstüzung. Ein halbes Jahr bevor Horst Ollrog starb, engagierte sie den ambulanten Hospizdienst. Dabei verschwieg sie ihrem Onkel etwas Wesentliches: "Ich habe ihm nicht gesagt, dass jemand kommt, um ihn bis zu seinem Tod zu begleiten. Sondern dass die Person ihn beschäftigt - mit ihm spielt, kleine Ausflüge unternimmt. Eben das tut, was er möchte." Das Thema Sterben ist innerhalb der Familie nie thematisiert worden. "Wir haben uns einfach nicht getraut", gibt Anke Becker zu.

Seiner Begleiterin gegenüber hat sich der 83-Jährige aber offenbar geöffnet - mit ihr hat er über den bevorstehenden Tod und seine Beerdigung gesprochen. "Für ihn war es einfacher mit Fremden zu sprechen, und wir haben mitbekommen, dass die zwei sich gut verstanden haben. Und immer wenn die Dame da war, wussten wir, dass er in guten Händen ist", sagt Anke Becker. Die Familie konnte sich eine Auszeit nehmen, während die Hospizbegleiterin da war. "Es gab Tage, da konnte ich nicht mehr", berichtet die Velenerin.

Einmal wöchentlich hält sich Gerd Erdbrügge einen Nachmittag frei, um seinen "Klienten" zu besuchen. "Wir sind sowohl für den Sterbenden als auch für die Familien da", erklärt er. "In den Gesprächen, die ich mit den Sterbenden führe, geht es meist um ganz Alltägliches. Die Menschen vertrauen uns aber auch sehr persönliche Dinge an", erklärt Erdbrügge. Zum Teil unterstützt der ehemalige Sozialpädagoge seine zum größten Teil über 80-jährigen "Klienten" aber auch mit fachlichem Rat. In seiner Zeit als ehrenamtlicher Begleiter habe er viele spannende Geschichten gehört, die er sonst niemals erfahren hätte. Er schätzt diese tiefgehenden Gespräche. Die führen auch dazu, dass er sich mehr mit seinem eigenen Leben auseinandersetzt.

Er beschreibt den ambulanten Hospizdienst als "Winwin- Situation" für Begleiter und Begleitete. "Das gibt mir mehr zurück, als ich gebe", meint auch Jeanette Müter. Vor 20 Jahren starb ihre Mutter an Krebs. Sie habe wahnsinnige Angst vor dem Tod gehabt und sei damit weitestgehend allein gewesen. "Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn jemand Außenstehendes da gewesen wäre und uns begleitet hätte. Ich habe das Gefühl, ich konnte ihr nicht helfen und das versuche ich nun bei anderen wiedergutzumachen", erklärt die 51- jährige Heidenerin. Seit sechs Jahren engagiert sie sich beim ambulanten Hospizdienst. Mittlerweile hat sie schon rund 30 Menschen auf ihrem Weg zum Tod begleitet.

Nur sehr selten ist ein ehrenamtlicher Hospizbegleiter dabei, wenn ein Mensch stirbt. "Ich weiß nicht, was ich dem dort oben getan habe, oder was ich in meinem Leben falsch gemacht habe, dass er mich so bestraft", sagt Uwe Bombeck und zeigt Richtung Himmel. "Trotzdem hat man nur zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder nach vorne blicken. Und ich versuche immer positiv zu denken und zu lächeln." Der Gedanke an Kinder und Enkel helfe ihm dabei. Durch die Erfahrungen, die der Borkener während der Krebserkrankung seiner Frau gemacht hat, kann er klarer und realistischer mit seiner eigenen Erkrankung umgehen. Er weiß, welche Möglichkeiten er hat und ist besser informiert, was Unterstützungsmöglichkeiten angeht: "Ohne meine Frau hätte ich vom ambulanten Hospizdienst nichts gewusst."

Zunächst begleitete die hauptamtliche Hospizkoordinatorin Klaudia Tiemeshen Frau Bombeck, seit Dezember vergangenen Jahres dann Uwe Bombeck. "Ich melde mich bei ihr, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt oder ich jemanden zum Reden brauche", sagt der 51-Jährige. Die Hilfe annehmen fiel ihm anfangs nicht leicht. Anfang November sollte der Zuschneider eigentlich wieder mit der beruflichen Eingliederung beginnen. Nach dem Fund neuer Metastasen ist daran nicht mehr zu denken. "Seitdem ich 17 Jahre alt bin, habe ich gearbeitet. Und nun bin ich einem Hartz-IV-Empfänger gleichgestellt." Diese soziale Ungerechtigkeit rege ihn momentan fast mehr auf als die Tatsache, dass er krank ist. Als würde es nicht schon reichen, dass er um sein Leben kämpft, muss er sich nun auch noch mit den Behörden auseinandersetzen. Zudem wäre die Arbeit für ihn eine willkommene Ablenkung gewesen: "So lebe ich einfach in den Tag hinein."

Dass Menschen sich verändern, wenn sie sterben, das weiß Jeanette Müter. "Sie werden ruhiger, ändern sich von ihrer Art her und auch das Äußere verändert sich", erklärt sie. Erst einmal hat sie es hautnah miterlebt, dass eine ältere Dame gestorben ist. "Ich bin froh, dass ich dabei sein durfte und sie nicht alleine sein musste. Jeder Mensch geht nur einmal, und sie hat es mir gestattet, wirklich bis zur letzten Sekunde mit dabei zu sein", erzählt sie. "Dafür bin ich sehr dankbar." Das Gehör ist das letzte, was abschaltet, wenn ein Mensch stirbt. Deshalb hat Jeanette Müter einfach am Bett gesessen, die Hand der Frau gehalten und auf sie eingeredet, ganz ruhig und langsam.

"Am Ende ihres Lebens bedauern viele, dass sie manche Dinge nicht gemacht haben", berichtet Müter. Es kommt auch vor, dass manche einen letzten Wunsch äußern, bevor sie sterben, weiß Gerd Erdbrügge. So lange zu Hause bleiben, wie möglich - das war der Wunsch, den Horst Ollrog hatte. Mehr als zehn Jahre litt der Junggeselle an seiner Krankheit, trotzdem kam sein Tod für die Hinterbliebenen ganz plötzlich: "Uns war nicht bewusst, dass er an diesem Tag sterben wird. Schon vorher sah es einige Male sehr schlecht aus, aber er hangelte sich von Tag zu Tag. Prognosen zu seiner Lebenserwartung gab es nicht", erklärt Anke Becker.

Am Morgen des 8. Januar 2017 fand Anke Becker ihren Onkel leblos in seinem Zimmer. Das war wie eine riesige Last, die abfiel, so beschreibt sie das Gefühl im Nachhinein. Erst nach dem Tod ihres Onkels sei ihr richtig bewusst geworden, wie viel Zeit sie in die Pflege investiert hat. Einen Tag später sollte er eigentlich auf die Palliativstation in Stadtlohn verlegt werden. "Das wäre für mich noch schlimmer gewesen, als ihn zu Hause zu pflegen", meint Anke Becker. "Für ihn war es schön, dass er bis zum Schluss zu Hause bleiben konnte."

"Dankbar sind sie am Ende alle", da sind sich Gerd Erdbrügge und Jeanette Müter einig. Häufig laden die Hinterbliebenen die Ehrenamtler zur Beerdigung ein. Danach bricht in der Regel der Kontakt zu den Familien ab. "Ich bin zwar betroffen, aber ich kann das gut abgrenzen. Schon während der Begleitung halte ich, um mich selbst zu schützen, eine gewisse Distanz", erklärt Jeanette Müter. Wenn sie anderen von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit erzählt, dann ist "Schön, dass du das machst. Ich könnte das nicht" eine der häufigsten Reaktionen.

Sein Leben anders leben als vor der Erkrankung will der 51-jährige Uwe Bombeck nicht: "Wenn ich jetzt bewusster lebe, dann wäre mir täglich bewusst, dass ich krank bin." Die größte Angst, die er hat, ist, dass er seine Selbstständigkeit verliert und in seinen Augen würdelos sterben muss.

Zeitungs-Artikel

Quelle: Borkener Zeitung